Rhythmik und Grafik

Jeder Mensch der schreibt bedient sich des irgendwann von ihm erlernten Verfahrens seine Gedanken in eine auch von anderen Menschen nachvollziehbare Form zu bringen. Es wäre sicherlich eine interessante Studie zu untersuchen, wie es zur Entstehung der verschiedenen Schriftsysteme kam und wie sie sich im Laufe der Zeit entwickelt und verändert haben. Schrift ist immer Bedeutungsträger und es lässt sich fragen: haben die Bedeutungen und die Zeichen, die für selbige stehen einen nachvollziehbaren und auch in ihrem Formcharakter begründeten Zusammenhang?

 

Zeichnen und Schreiben (Kalligrafie) sind grafische Disziplinen gleichen Ursprungs. Es ist eine besondere Art grafischer Darstellung aus einem kreisenden Bewegungsfluss heraus Formen zu entwickeln. Dabei kann man das Erlebnis haben in eine eigene Sphäre einzutauchen – gleich einer eigentlich jederzeit zugänglichen Keimquelle von Zeichen, Formen und Schriften überhaupt – dass man sozusagen deren Ursprung und Genese für sich revitalisiert.

 

Es ist die Sphäre rhythmischer Phänomene und deren Abkömmlinge. Wer sich erlebend und untersuchend darauf einlässt, wird sich auf diesem Weg gleichzeitig sensibilisieren für die Wahrnehmung rhythmisch – dynamischer Prozesse in Natur und Kultur.

 

Natürliche Phänomene sind alle zyklischen Erscheinungen wie die Planetenbewegungen im kosmischen bis hin zu atomaren und subatomaren Bewegungen im mikrokosmischen Bereich, des weiteren Schwingungsphänomene im musikalischen und physikalischen Feld sowie Strömungsformen der Gase und Flüssigkeiten und bis in die belebte Materie hinein die Strukturen und Wachstumsformen lebender Organismen.

 

Im Felde menschlicher Kultur sind in den ornamentalen Kunstformen nahezu aller Kulturen zahllose Varianten rhythmischer Formcharaktere zu entdecken. 

Von den Verzierung des Körpers durch Bemalung oder Tätowierung zu den Mustern, die Textilien schmücken bis hin zu architektonischen Form- und Schmuckelementen und zum Wand- und Tapetendekor oder den metallenen Zierformen der Kunstschmiede.

 

In nicht zu überbietender Kunstfertigkeit und Virtuosität begegnet einem das schöpferische Spiel mit diesen Formprinzipien zum Beispiel in den frühchristlichen Buchmalereien keltischer Tradition, in den Maßwerks- und Gewölbeformen der Hoch- und Spätgotik oder den Künsten des Barock und Rokoko. Man untersuche allein die Formgestalten der Streich- und sonstigen Musikinstrumente dieser Zeitepochen. Sie sind nahezu ausnahmslos an einer an rhythmischen Formgesetzlichkeiten geschulten Erfahrung heraus entwickelt, aus dem Bewusstsein, dass rhythmische Phänomene, Klang und Form in einem innigen Zusammenhang stehen.

 

Soweit seien diese Beispiele angesprochen um zur Frage zurück zu kehren: was hat das alles mit Schrift zu tun?

Wer sich einmal bewusst gemacht hat welche Erlebnisqualitäten zum Beispiel einem O innewohnt und weshalb es in der Form eines satten Ovals geschrieben wird, oder wie im W der rhythmische Charakter einer Wellenbewegung abgekürzt ist, wird ahnen, dass auch Schriften - in besonders schöner Form die englische Schreibschrift - aus rhythmischen Prinzipien heraus entwickelt und in den Lettern und Vokabeln dynamische Erlebnisqualitäten zu finden sind.

Es erschließt sich die Ahnung einer zauberhaften vitalen Tiefe als Ursprung von Sprache und deren fixierten Zeichensystem, der Schrift.

 

Aus dieser Blickrichtung heraus offenbaren sich im weitergefassten Verständnis die Kunstformen der Kulturen in verschiedensten weißheitsvollen Schriftsystemen, deren Sinn und Qualitäten erlauscht und erspürt und in ihrem adäquaten Zusammenhang mit den naturgesetzlichen dynamischen „Vokabeln der Schöpfung“ überhaupt begriffen werden können.

 

Ob man solchen oben angerissenen Gedankenzusammenhängen Bedeutung beimessen mag oder nicht, jedenfalls und unabhängig davon bietet die Weise des rhythmischen Zeichnens Möglichkeiten grafischer Gestaltung, die als ausgesprochen belebend erfahren werden können.

Nach einigen hinführenden Übungen eröffnet sich dem interessierten Zeichner ein Spielfeld der Verwandlungen und Formmetamorphosen von schier unerschöpflichem Reichtum. Und wo Bedeutung und Vitalität genährt wird ist auch ein Weg gezeichnet zur förderlichen eigenen Zentrierung, die in den erzielten sichtbaren Ergebnissen zum Ausdruck kommen kann.

 

Mai 2003